Am 9. Juni 2026 fand die erste Ausgabe der BiblioVision im Jahr 2026 statt. Die internationale Fachtagung „International Diamond Open Access Initiatives“ wurde gemeinsam von der OBVSG und der Universitätsbibliothek Wien veranstaltet und widmete sich aktuellen Entwicklungen, Herausforderungen und Perspektiven im Bereich Diamond Open Access.
Ziel der Veranstaltungsreihe BiblioVision ist es, fachlichen Austausch zu fördern, neue Impulse zu setzen und Raum für Diskussion und Vernetzung zu schaffen.
Eröffnet wurde die Veranstaltung von Andreas Brandtner und Günther Simonitsch.
Am Vormittag präsentierten internationale Expert*innen aktuelle Entwicklungen und Best-Practice-Beispiele aus Deutschland, der Schweiz, Schweden sowie auf europäischer Ebene:
Die Vorträge gaben Einblicke in nationale und internationale Initiativen, Capacity Centres sowie bestehende Unterstützungsstrukturen für Diamond Open Access und zeigten unterschiedliche Ansätze zur nachhaltigen Förderung wissenschaftlicher Publikationsangebote auf.
Rund 40 Personen nahmen vor Ort an der Veranstaltung teil, weitere etwa 100 Interessierte verfolgten die Vorträge online.
Nach der Mittagspause lag der Schwerpunkt auf Diskussion und Austausch. In zwei „Fishbowl“-Diskussionen wurden Perspektiven, Herausforderungen und mögliche Zukunftsszenarien für Diamond Open Access in Österreich erörtert.
Zwischen den beiden Diskussionsrunden stellte Magdalena Andrae (Bundesministerium für Frauen, Wissenschaft und Forschung) die Ergebnisse einer im Rahmen des ERA-NAP 2026–2028 durchgeführten Bedarfsanalyse zu zentralen Diamond-Open-Access-Publikationsdiensten vor.
Die Diskussion zeigte ein differenziertes Bild von Diamond Open Access (DOA). Mehrere Teilnehmende betonten, dass DOA sowohl ein Ideal als auch derzeit noch ein Nischenmodell sei. Gleichzeitig wurde darauf verwiesen, dass viele erfolgreiche Entwicklungen zunächst in Nischen entstanden seien und sich mit zunehmender Professionalisierung und besserer Infrastruktur breiter etablieren könnten.
Ein zentrales Thema war die geringe Sichtbarkeit und Attraktivität von DOA für Forschende. Diskutiert wurde, dass viele Wissenschaftler*innen in erster Linie auf die Reputation von Publikationsorten achten und zwischen verschiedenen Open-Access-Modellen oft nur begrenzt unterscheiden. Zugleich ist die Mitarbeit in Diamond-Open-Access-Journalen häufig mit erheblichem zusätzlichem, meist ehrenamtlichem Aufwand verbunden. Studien zeigen, dass ein Großteil der redaktionellen Arbeit ehrenamtlich erfolgt. Um die Akzeptanz zu erhöhen, müssten Prozesse daher möglichst einfach und professionell organisiert werden.
Ebenfalls diskutiert wurde die Verbindung zwischen Diamond Open Access und Research Assessment. Mehrere Teilnehmende sahen darin einen entscheidenden Hebel für die zukünftige Entwicklung des Modells. Während einzelne Stimmen institutionelle Vorgaben oder Quoten als möglichen Anreiz nannten, wurde dies von anderen kritisch beurteilt. Einigkeit bestand jedoch darin, dass Diamond Open Access als qualitativ gleichwertige Publikationsoption wahrgenommen werden sollte und nicht als minderwertige Alternative zu etablierten Verlagsangeboten.
Darüber hinaus wurde die Wettbewerbsfähigkeit von DOA gegenüber kommerziellen Verlagen erörtert. Dabei wurde betont, dass hohe wissenschaftliche Qualität nicht automatisch an große Verlagshäuser gebunden sei und Fachgesellschaften eine wichtige Rolle bei der Stärkung von Reputation und Sichtbarkeit übernehmen könnten. Zugleich wurde hervorgehoben, dass die Publikationslandschaft vielfältig sei und unterschiedliche Modelle nebeneinander bestehen sollten.
Weitere Diskussionspunkte betrafen die digitale Souveränität wissenschaftlicher Einrichtungen, den effizienten Einsatz öffentlicher Mittel sowie die Frage, wer wissenschaftliches Wissen langfristig verwalten und zugänglich machen soll. DOA wurde dabei als transparente und gemeinschaftsorientierte Ergänzung zu bestehenden Modellen beschrieben. Mehrfach wurde betont, dass es nicht um ein Gegeneinander von kommerziellen und nicht-kommerziellen Angeboten gehe, sondern um zusätzliche nachhaltige Publikationsmöglichkeiten.
Als zentrale Erfolgsfaktoren wurden starke wissenschaftliche Communities, hohe Publikationsstandards, professionelle Serviceangebote sowie geeignete Anreizstrukturen für Forschende genannt.
In der zweiten Diskussionsrunde wurde die mögliche Ausgestaltung einer zentralen Diamond-Open-Access-Publikationsstelle für Österreich diskutiert. Dabei wurde deutlich, dass die Planung nicht von einem einzigen Modell ausgehen sollte, sondern unterschiedliche Modelle und Ausbaustufen mitgedacht werden müssen. Mehrere Teilnehmende betonten zudem, dass die Entwicklung einer solchen Struktur schrittweise erfolgen und regelmäßig evaluiert werden sollte.
Ein zentraler Diskussionspunkt war der Mehrwert einer nationalen Lösung gegenüber bestehenden lokalen Infrastrukturen. Einrichtungen mit eigenen Publikationsdiensten verwiesen darauf, dass ein zentrales Angebot einen klaren zusätzlichen Nutzen bieten müsse. Gleichzeitig wurde betont, dass vorhandene Infrastrukturen und Kompetenzen nicht ersetzt, sondern sinnvoll eingebunden und weitergenutzt werden sollten.
Mehrfach wurde hervorgehoben, dass eine zentrale Publikationsstelle nicht auf eine technische Hosting-Lösung reduziert werden sollte. Als mögliche Bausteine wurden eine gemeinsame Verlagsmarke, gemeinsames Hosting sowie ein nationales Kompetenz- und Service-Hub genannt. Diskutiert wurde zudem die Möglichkeit eines (befristeten) Vorprojekts, um unterschiedliche Modelle zu erproben und konkrete Anforderungen zu erheben.
Ein weiterer Schwerpunkt war die Frage nach Sichtbarkeit und Positionierung. Mehrere Teilnehmende bezweifelten, dass einzelne österreichische Einrichtungen im internationalen Umfeld ausreichend Sichtbarkeit erreichen können. Eine gemeinsame Marke und eine zentrale Webpräsenz wurden daher als mögliche Instrumente genannt, um österreichische DOA-Aktivitäten sichtbarer zu machen. Gleichzeitig wurde betont, dass institutionelles Branding für manche Einrichtungen eine wichtige Rolle spielt. Die Diskussion zeigte jedoch, dass Zentralisierung nicht zwangsläufig den Verlust institutioneller Identität bedeuten muss.
Breiten Raum nahm die Frage nach Ressourcen und Nachhaltigkeit ein. Insbesondere die personellen Kosten für den Betrieb von Journalen und Verlagen wurden als große Herausforderung beschrieben. Mehrere Wortmeldungen plädierten dafür, vorhandene Ressourcen und Expertise stärker zu bündeln und bestehende Spezialkompetenzen in einer nationalen Struktur sichtbar zu machen und gemeinsam zu nutzen.
Darüber hinaus wurde die Bedeutung einer frühzeitigen Einbindung der wissenschaftlichen Community hervorgehoben. Erfahrungen aus bestehenden Initiativen zeigten nach Ansicht einiger Teilnehmender, dass Forschende und Fachcommunities von Beginn an aktiv eingebunden werden sollten. Insbesondere wurde angeregt, profilierte Wissenschaftlerinnen frühzeitig einzubeziehen, die als sichtbare Fürsprecherinnen DOA attraktiver machen können.
Einigkeit bestand darüber, dass nationale Aktivitäten eng mit europäischen Entwicklungen verknüpft werden sollten. Diskutiert wurde die Möglichkeit, ein österreichisches National Capacity Center (NCC) in bestehende europäische Strukturen einzubetten, um von internationalen Erfahrungen, Standards und Netzwerken zu profitieren. Als wichtige nächste Schritte wurden die Auswertung der laufenden Interviews, die Identifikation vorhandener Kompetenzen in Österreich sowie die Verständigung auf gemeinsame Qualitätsstandards genannt.
Insgesamt zeigte die Diskussion eine grundsätzlich positive Haltung gegenüber einer stärkeren nationalen Koordination im Bereich DOA. Gleichzeitig wurde deutlich, dass ein zukünftiges Modell auf Kooperation, Freiwilligkeit, klaren Mehrwerten für die beteiligten Einrichtungen sowie einer engen Anbindung an die wissenschaftliche Community und europäische Initiativen aufbauen sollte.
"Die Frage sollte weniger lauten, was einzelne Einrichtungen durch eine stärkere Zentralisierung verlieren, sondern vielmehr, welche zusätzlichen Leistungen, Sichtbarkeit und Synergien dadurch gewonnen werden können."
Der Grundtenor der Veranstaltung war positiv und bestätigte das große Interesse an einer stärkeren Vernetzung sowie an gemeinsamen Lösungen zur nachhaltigen Weiterentwicklung von Diamond Open Access in Österreich. Besonders die Idee einer zentralen Publikationsstelle sowie das Modell eines National Capacity Centres (NCC) wurden von den Teilnehmenden überwiegend positiv bewertet.
* Leider fehlt die Aufzeichnung des Vortrags aufgrund technischer Schwierigkeiten vor Ort. Die entsprechenden Inhalte finden Sie in den Präsentationsfolien.
Einige Eindrücke des Tages finden Sie in der folgenden Fotogalerie.